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22.01.2016

Selbst-Wert-Management - eine Chance der Persönlichkeitsentwicklung

Von Dr. Thomas Wörz, Psychotherapeut, Sportwissenschaftler

Selbstwert – ausschließlich eine Frage der Leistung?
In unserer erfolgsorientierten Gesellschaft wird der Wert des Menschen sehr häufig über die Leistung definiert. Defizite in den Bereichen wie Liebe, Akzeptanz und Anerkennung können durch erfolgreiches Handeln weitgehend kompensiert werden. Das Streben nach Spitzenleistungen und Erfolg rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Der Erfolg scheint alle Probleme zu lösen.

Ein Teufelskreis beginnt – der Mensch gelangt an unüberwindbare psychophysische Grenzen. Stimmt die Leistung nicht, werden wir menschlich abgewertet, verachtet und häufig fallengelassen. Wir fühlen uns leer, lustlos, ausgebrannt und stellen uns Sinnfragen. Der Umgang mit diesen Enttäuschungen und die Verarbeitung von Niederlagen sind sehr stark von der jeweiligen Persönlichkeit und den Verarbeitungsmechanismen abhängig.

Als Mensch geachtet und respektiert zu werden, auch wenn der sportliche Erfolg ausbleibt, sind wertvolle Erfahrungen, die unseren Selbstwert stärken. Wir fühlen den Unterschied, ob uns Eltern, Lehrer und Trainer ausschließlich wegen unserer Erfolge lieben und wertschätzen („Wir lieben dich weil du wieder gewonnen hast“). Schnell kann sich ein Glaubensmodell entwickeln: „Je mehr Leistung, desto mehr Liebe.“ Gerade diese Leistungsorientierung und dieses Streben nach Anerkennung fördern eine Ergebnisorientierung und reduzieren die Freude am Handeln selbst. Wird Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe durch die Leistungen und Erfolge nicht erfüllt, wird dieses Defizit häufig auf der Haben-Ebene kompensiert. Um Anerkennung zu erlangen, müssen also Besitztümer zur Schau gestellt werden. Weitere Möglichkeiten, um die notwendige Zuneigung bzw. Aufmerksamkeit zu erfahren, sind auffällige Verhaltensweisen wie Unpünktlichkeit, sich immer in den Mittelpunkt stellen oder die Flucht in die Krankheit (sekundärer Krankheitsgewinn).

Im Leistungssport werden unter Stressbedingungen oft vergangene und ausgeheilte Verletzungen wieder spürbar. Häufig treten diese körperlichen Beschwerden an einer Schwachstelle des Organismus auf. Sie drücken manchmal den Wunsch des Akteurs nach der Nähe des Physiotherapeuten, Masseurs, Arztes oder Mentaltrainers aus. Wenn Eltern und Betreuer dem Nachwuchssportler vermitteln, „Wir lieben Dich, weil es Dich gibt“, gewinnt diese Aussage eine existentielle Dimension, auch etwas wert zu sein, ohne etwas geleistet zu haben. Ein hohes Selbstwertgefühl kann dadurch entwickelt werden.

Selbstwert – ein multidimensionaler Ansatz

 Unter Selbstwert wird die Bewertung des Bildes, das man von sich selbst hat, verstanden. Das kann sich auf die Persönlichkeit und die Fähigkeiten des Individuums, auf verschiedene Bereiche des Selbstkonzepts wie z. B. Leistungs-, Soziales-, Emotionales und Physisches-Selbstkonzept beziehen. Potreck Rose (2006), Schütz und Selin (2006) betonen, dass mehrere „Selbstwertbereiche“, wie soziale Beziehungen, Integrationsfähigkeit, körperliche Befindlichkeit, emotionale Stabilität und Leistungsfähigkeit den Selbstwert definieren. Je nachdem, wohin ein Mensch bei der Selbstbewertung schaut, kann er zu sehr unterschiedlichen Selbstwerten kommen. Ein geselliger Mensch, der in einer intakten Beziehung lebt, wird möglicherweise einen hohen sozialen Selbstwert haben, wenn dieser Mensch aber die falsche Sportart, Beruf etc. ausgewählt hat und erfolglos agiert, könnte sein Leistungs-Selbstwert entsprechend niedrig sein.

Die Problematik liegt dann eher darin, dass Menschen ihren subjektiven Focus auf den Bereich, der bedroht ist, richten und sich selbst entwerten. Häufig führen auch unrealistische Vergleichsstrategien (Landesmeister vergleicht sich mit Europameister) zu Selbstwertproblemen. „Wollen wir unsere Fähigkeit zur Selbstakzeptanz weiterentwickeln, müssen wir uns mit unseren Idealvorstellungen von uns selbst auseinandersetzen, unseren Werten und Normen. Denn schon früh verinnerlichen wir die Bewertungen anderer, um ihre positive Beachtung zu finden. Später identifizieren wir uns mit diesen Werthaltungen, ohne sie an unserer eigenen Erfahrung zu überprüfen: Unsere Selbstachtung wird - zumindest teilweise - abhängig vom Erreichen fremder Standards.“ (Potreck-Rose, Jacob 2010 ) Bedrohungen des Selbstwerts Häufig wird unser Selbstwert aufgrund von kritischen Lebensereignissen, sozialen Konflikten, Selbstkritik, als ungerecht erlebte Kritik sowie durch das Gefühl der Vernachlässigung und Ablehnung bedroht (Potreck-Rose 2006, Schütz 2003, Kanning 2000.)

 Welche Erfahrungen wir tatsächlich als bedrohlich für unseren Selbstwert erleben, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Jeder hat seine speziellen wunden Punkte. Für viele stellen negative Rückmeldungen auf Leistungen eine Gefährdung des Selbstwerts dar. Eine noch stärkere Bedrohung sind verbale Angriffe. Angriffe verletzen besonders dann, wenn wir uns zuvor geöffnet haben. Auch kritische Lebensereignisse, wie der Verlust des Arbeitsplatzes oder eine chronische Erkrankung können unseren Selbstwert untergraben. So kann z. B. die Erfahrung, Hilfe zu brauchen, unseren Selbstwert schwächen.

Quellen des Selbstwerts


Schütz (2003) sieht wertvolle Quellen des Selbstwerts in den eigenen Erfolgen und individuellen Fähigkeiten in einer Grundhaltung der Selbstakzeptanz („Ich bin wie ich bin …“), in der Zufriedenheit und Geborgenheit funktionierender sozialer Beziehungen und in der sozialen Kontaktfähigkeit. Je perfektionistischer und ergebnisorientierter unsere Leistungsansprüche sind und je weniger wir uns mit unseren Fehlern und Schwächen annehmen, umso eher erleben wir unseren Selbstwert als bedroht.

Die Entwicklung von mehr Selbstakzeptanz stellt deshalb einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem starken und belastbaren Selbstwert dar. So wird ein hoher stabiler Selbstwert in der Literatur vermehrt als wichtige präventive Maßnahme für die erfolgreiche Bewältigung von Problem- und Krisen-Situationen angeführt. In der Psychotherapie nennen Patienten Selbstwertaufbau als eines der wichtigsten Therapieziele und im Spitzensport spielt der Selbstwert eine wichtige Rolle für die Verarbeitung von Niederlagen und den Umgang mit Erfolgen.

Entwicklung des Selbstwerts

 Die Psychologinnen Potreck-Rose & Jacob (2008) sehen vier Bereiche als zentrale Elemente für die Entwicklung eines stabilen Selbst:
 1. die Fähigkeit, uns selbst anzunehmen
2. das Vertrauen in unser Können
3. unsere soziale Kompetenz
4. das Eingebundensein in ein soziales Netz


Wenn wir uns selbst annehmen, dann akzeptieren wir uns so wie wir sind, mit unseren Stärken – und mit unseren Schwächen. Voraussetzung dafür ist, dass wir unserem Erleben mit Achtsamkeit und Wertschätzung begegnen. Erst dann können wir all unsere Erfahrungen offen und mit Interesse wahrnehmen: Ein klares und stabiles Selbst entwickelt sich. Vertrauen in das eigene Können entsteht, wenn wir Erfolge erleben und annehmen und mit unseren Leistungen zufrieden und kompetent umgehen können. Können wir auf wertvolle Ressourcen zurückgreifen, dann trauen wir uns zu, die Komfortzone zu verlassen, Neues zu lernen und neue Herausforderungen anzunehmen. Wir halten durch und sind geduldig, wenn etwas nicht gleich gelingt oder Probleme verursacht. Selbstvertrauen bedeutet eine realistische Einschätzung des Könnens und den vertrauensvollen Umgang mit den eigenen Grenzen. Hierzu zählt, dass wir es akzeptieren, wenn wir gelegentlich Schwächen haben, Fehler machen und nicht perfekt sind. Gesundes Selbstwerterleben basiert auch auf der Ebene der sozialen Kompetenz. Wir fühlen uns schwierigen sozialen Situationen eher gewachsen und können mit unterschiedlichen Situationen und Erfahrungen kompetent umgehen. Wir können eigene Grenzen ziehen und halten es aus, wenn andere Grenzen setzen. Ein stabiler Selbstwert fördert die Geborgenheit im sozialen Netz und vermittelt uns ein Gefühl, angenommen und gebraucht zu werden.

Selbstwertmanagement – Maßnahmen der Intervention


Als erster Schritt ist es wichtig, innezuhalten und achtsam zu werden. Die Änderung der Einstellung zum Annehmen der aktuellen Situation, wie es jetzt gerade ist, das Leben im Hier und Jetzt im Sein, kann durch spezielle, einfache Wahrnehmungsübungen im Alltag geschult werden. Die Achtsamkeit für automatisierte Bewegungsabläufe und Muster, für Gefühle und Bedürfnisse sollte vom Beginn an im Mittelpunkt stehen. Die negative Spirale der Selbstentwertung, ausgelöst durch einen dominanten inneren Kritiker, kann durch einen wohlwollenden Begleiter abgefangen werden, weil diese Veränderungen nicht sofort greifen, können Planung, Übung, Geduld und Erfolgskontrolle bedeutend sein, um zum Ziel zu gelangen.

Für die Umsetzung des Selbstwerttrainings wird ein „Tagebuch des Wohlwollens“ empfohlen (ca. 15 Minuten täglich):
1. Lassen Sie den Tag vor Ihrem inneren Auge vorüberziehen und schreiben Sie in Ihr Tagebuch.
– Was ist Ihnen gut gelungen? (Kompetenzen)
– Was haben Sie Positives erlebt? (Sinneswahrnehmungen)


2. Das Wohlwollen für sich selbst stärken.
– Einen wohlwollenden Begleiter wählen (Stofftier, Phantasiegestalt)
– Schreiben Sie viele Sätze auf, die Ihnen Ihre wohlwollende Begleiterin im Laufe des Tages gesagt haben könnte (Mutsätze wie: Du schaffst es! Jeder kleine Schritt zählt!, Das kannst Du aushalten! …)
– Lassen Sie von Ihrem Begleiter einen Brief „des Wohlwollens“ an Sie schreiben


3. Nehmen Sie sich Zeit und verfassen Sie eine Liste Ihrer Stärken.
– Befragen Sie dazu auch Ihre beste Freundin
– Erforschen Sie Ihre Lebenserfahrungen (Welche schwierigen Situationen haben Sie mit Hilfe welcher Stärken gemeistert)
– Wählen Sie Symbole für Ihre Stärken und stellen Sie diese gut sichtbar an Ihren Schreibtisch


Abschließende Betrachtung

 „Tragischer Anlass als Chance der Veränderung“

Ein geringer Selbstwert korreliert mit chronischen körperlichen Erkrankungen, mit sozialen Problemen aber auch mit psychischen Störungen wie Depressionen, Ängsten, Essstörungen usw. Aufgrund der extremen Belastungen sind diese Störungsbilder im Spitzensport auch keine Seltenheit. In unserer erfolgsorientierten Gesellschaft wird der Wert des Menschen sehr häufig über die Leistung definiert. Wir wünschen uns unsere Idole als makellose Vorbilder und Helden und wollen sie nicht als psychisch sensible Menschen wahrnehmen. Welcher Sponsor möchte mit psychischen Problemen seiner Werbeträger konfrontiert werden? Daher entsteht häufig eine unüberwindbare Schwelle, offen Probleme und Schwächen im entsprechenden Umfeld (Team) anzusprechen und professionell damit umzugehen. Der verborgene Umgang mit psychischen Störungen kann zum Rückzug und zur sozialen Isolation führen und diese noch dramatisch verstärken.

Als tragisches Beispiel soll an dieser Stelle der deutsche Fußballnationalspieler, Robert Enke, angeführt werden, der unter Depressionen gelitten und einen Leidensweg durchgemacht hatte, der schließlich im vergangenen Jahr zum Selbstmord führte. Wenn der DFB Präsident aufgrund dieses traurigen Ereignisses die Chance sieht, dass sich der deutsche Fußball im Umgang mit psychischen Problemen ändern wird, dann wird neben dem Erfolg auch der menschliche Wert einen höheren Stellenwert bekommen müssen. Leistungssportler sollten doch mehr wert sein als nur eine Ware, die bei schlechter Leistung samt Inhalt weitergegeben oder ausgemustert wird. Kritische Aussagen des Umfeldes sollten sich primär auf das Verhalten des Sportlers und nicht auf den ganzen Menschen beziehen. Rechtzeitige Hilfestellungen durch vertrauensvolle Betreuer und Karriereberater, die sich bei klinischen Problemen auf ein Netz von Psychiater, Psychotherapeuten und Psychologen stützen können, sind gefragt.

Weitere Anregungen als Chance für die Zukunft:

Sportler mit psychischen „Verletzungen“ sollten nicht abgewertet werden, die gleichen kompetenten Maßnahmen (Arzt, Psychotherapeut) der Rehab erhalten wie mit körperlichen Beschwerden. Wenn eine Dysbalance zwischen der Gesamtbelastung (sämtliche Stressoren) und Erholung besteht und kein entsprechendes „Belastungsmanagement“ existiert, kann das zu Übertraining bzw. „Burnout“ mit Depression führen.

In Mannschaften sollten regelmäßig teambildende Maßnahmen, die den internen Austausch und kommunikative Prozesse fördern, durchgeführt werden, um Auffälligkeiten schneller wahrzunehmen.

Expertenpools mit Psychiater und Psychotherapeuten mit Sportkompetenz sollten dem Trainer und Sportler zugänglich sein.

Sportmedizinische Untersuchungen sollten auch die Gesamtbelastung und die psychische Belastbarkeit des Sportlers beinhalten.

Entsprechende Aufklärung zur Thematik Essstörungen, Ängste, Depression sollte fester Bestandteil in den Trainerausbildungen sein; Kompetenzen entwickeln im Erkennen von Verhaltensauffälligkeiten und im Umgang mit Betroffenen Selbst-Wert-Management als präventive Maßnahme.